St. Nikolaus Gesellschaft Urdorf

Vom Bäumchen, das andere Blätter wollte PDF Drucken E-Mail

Einst stand im Wald ein Bäumchen, das von zuoberst bis zuunterst
wunderschöne Nadeln hatte. Aber auf einmal gefiel dem Bäumchen
das prächtige Nadelkleid nicht mehr, und es hätte ums Leben gern ein
anderes Röcklein getragen - so eines wie die anderen Bäume, die
neben ihm im Wald standen. "Meine Nadeln stechen ja nur", dachte
es, "ich hätte lieber Blätter. Aber es sollten keine gewöhnlichen,
sondern goldene Blätter sein."
Am Abend schlief das Bäumchen ein, und als es am anderen Morgen
erwachte, musste es staunen. Es hatte jetzt von oben bis unten
prächtige goldene Blätter. Wie die glänzten und funkelten! Ihr könnt
euch denken, wie wichtig sich jetzt das Bäumchen vorkam ist mit
solch prächtigen, goldenen Blättern!

 

Da kam ein Mann durch den Wald mit einem grossen Sack auf dem
Rücken. Als er das goldene Bäumchen sah, sagte er: "Jetzt sieh einmal
an, sind das schöne Blätter! Die nehme ich gleich in meinen Sack!"
Der Mann stopfte alle, alle Blätter in seinen Sack. Jetzt stand das
Bäumchen leer da, und es dachte traurig: "O je, wie nackt stehe ich
jetzt da! Wenn ich doch nur wieder Blätter hätte, aber nicht goldene,
die mir gestohlen werden, sondern gläserne!"
Wieder schlief das Bäumchen ein, und als es am anderen Morgen
erwachte, trug es lauter schöne, gläserne Blätter. Wie die in der Sonne
glänzten - wie Edelsteine! Das Bäumchen freute sich mächtig daran.
Aber da begann plötzlich der Wind zu blasen, so heftig er konnte. An
allen Bäumen rüttelte er, natürlich auch an unserem kleinen Bäumchen
mit den gläsernen Blättern. Was jetzt passierte, könnt ihr euch sicher
vorstellen, liebe Kinder. Alle Glasblätter fielen zu Boden und
zerbrachen in tausend Splitter. Wieder stand unser Bäumchen also leer
da, und es begann wieder zu jammern: "Oje, oje, meine schönen
Gläschen! Wenn ich doch nur nochmals etwas wünschen dürfte! Ich
wünschte mir so schöne grüne Blätter wie alle Bäume, die um mich
herumstehen." Und wieder schlief das Bäumchen ein. Tatsächlich
hatte es am andern Morgen schöne grüne Blätter. Es dachte: " Diese
Blätter nimmt mir bestimmt kein Mann in den Sack, und der Wind
kann sie auch nicht zerbrechen." Aber da kam ein Reh
dahergesprungen. Als es die frischen, schönen grünen Blätter sah,
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sagte es: "Das sind denn leckere Blättchen! Zum Glück ist das
Bäumchen so klein. So komme ich gut an meine Speise heran!" Es
begann gleich damit, die Blätter abzureissen, und es frass alle mit
Stumpf und Stiel auf. So stand unser Bäumchen wieder leer da, und es
war sehr, sehr traurig. Es sagte: "Nein, jetzt will ich keine Blätter
mehr. Wenn ich doch nur wieder meine Nädelchen hätte, dann wäre
ich schon zufrieden!" Ganz traurig schlief es ein, und ganz traurig
erwachte es am anderen Morgen wieder. Aber als es sich anschaute,
konnte es wieder lachen. Denkt nur, es hatte über Nacht wieder sein
Nadelröcklein bekommen! Jetzt war es aber froh. "Meine Nadeln sind
doch die allerbesten!" sagte es. "Die nimmt kein Mann, zerschlägt kein
Wind und frisst kein Reh. Wie bin ich froh, dass ich sie wieder habe!"